85 Kilometer und 5.300 Höhenmeter - für Martin Schedler Genuss pur!

Der hügelige Weg war mit Fackeln beleuchtet, die die Strecke in der stillen Dunkelheit des frühen Morgens markierten. Mit jedem weiteren Meter auf den kleinen Berg rückte die Dämmerung näher. Und als Martin Schedler inmitten der Fackeln die Spitze erreichte, blitzte die Sonne am Horizont auf. „Ein unbeschreiblicher Moment“, schwärmt Schedler. Ein Moment, den er genießen konnte, auch wenn er wusste, dass er noch unzählige Kilometer hinter sich zu bringen hatte.

Die Ultratrail-Weltmeisterschaften Ende Mai im französischen Annecy verlangten dem 34-Jährigen viel ab: der Start früh morgens um 3.30 Uhr, 85 Kilometer, 5300 Höhenmeter über die Gebirgskämme um den Lac d’Annecy. „In der Mitte des Rennens ging es mir auch richtig schlecht“, gesteht Schedler: „Ich hatte müde, schwere Beine und total viel Durst.“ Er musste zwischenzeitlich gehen, die anderen WM-Starter an sich vorbeiziehen lassen. „Aber die letzten 15 Kilometer sind noch mal richtig gut gelaufen“, erzählt er: „Zehn Kilometer vor dem Ziel gab es einen Anstieg von 1000 Höhenmetern, aber da habe ich noch mal richtig aufgedreht und bin regelrecht geflogen.“ Der deutsche Kaderathlet kam als 46. im Ziel an. Eine Platzierung, die ihn stolz machte, aber letztlich doch zweitrangig war. „Das ist das Schöne am Trailrunning“, sagt er: „Es ist nicht so verbissen und leistungsorientiert wie andere Läufe. Die Strecke zu genießen, spielt eine viel größere Rolle.“ Das Pfeifen der Murmeltiere, die Ziegenherde, die sich ihm in den Weg stellte. „Das sind Momente, in denen man auch während des Rennens mal lachen muss“, meint Schedler: „Selbst wenn es mal schlecht läuft, ziehe ich mich durch die geniale Landschaft wieder hoch. Man sammelt alle paar Meter komplett neue Eindrücke.“

Das ist auch der Grund, weshalb sich der Athlet des LAZ Saarbrücken vor einigen Jahren von den Straßenläufen weitgehend entfernt hat. 2009 und 2012 nahm er noch an den Weltmeisterschaften im Berg-Marathon teil, beim zweiten Mal gewann er sogar die Bronzemedaille mit der Mannschaft. Aber: „Auch dort gab es viele Straßenanteile, und die Leute waren viel mehr auf ihre Zeiten fixiert.“ Beim Trailrunning hat er das so noch nicht erlebt – weder bei seinen Starts in Paris, auf Teneriffa und Madeira noch bei der WM in Annecy. Im Gegenteil: „Die Franzosen zelebrieren das richtig und stecken viel Herzblut in die Veranstaltung. Wir hatten eine Eröffnungsfeier mit der Nationalmannschaft wie bei den Olympischen Spielen. Auch die Abschlussfeier war ein echtes Highlight. Meine Freundin war dabei und hat mich unterstützt, und auch die Stimmung innerhalb der Mannschaft war großartig. Die WM in Annecy war das bisher härteste Rennen, das ich mitgemacht habe. Aber es war auch mein schönstes Erlebnis.“

Für solche Erlebnisse investiert Schedler viel, läuft rund 120 Kilometer pro Woche – trotz seines Vollzeitjobs als Beamter bei einer Krankenkasse. Stress ist das für ihn aber weniger, es bringt ihm vielmehr das Gefühl, das Leben voll auszukosten. „Das Trailrunning ist fast schon eine Lebensphilosophie“, sagt Schedler.

Der nächste Höhepunkt steht für ihn im September an, beim zweitägigen Ultratrail durch das Atlas-Gebirge in Marokko. „Die Sonneneinstrahlung und die Höhe werden eine richtige Herausforderung“, weiß Martin Schedler: „Aber ich habe schon oft gehört, dass die Wüstenlandschaft dort unglaublich sein soll. Es wird etwas ganz Neues für mich.“ Etwas Großartiges, so, wie die Weltmeisterschaften in Annecy. 


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