Stefan Jung: Das Laufen wurde für mich zum Alltag

Über seinem Kopf schreien die Affen, dazwischen das Gezwitscher der Vögel. Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch den dichten, grünen Blätterwald des Dschungels in Costa Rica, füllt das Gebiet mit brutaler Hitze. Und inmitten dieser nahezu unberührten Natur kämpft sich Stefan Jung Meter um Meter vorwärts. „Richtig genial. Das ist ein Gefühl, das einem niemand mehr wegnehmen kann“, erzählt der 33-Jährige: „Ich habe jeden Tag dort genossen.“ Die „Coastal Challenge“ in Costa Rica, der Etappenlauf über 235 Kilometer in sechs Tagen, liegt mittlerweile einige Monate zurück. „Natürlich hatte ich dort auch einige Leidensphasen“, erinnert sich der Extremläufer aus Böckweiler an den Wettkampf Anfang Februar: „Das Klima hat gnadenlos zugeschlagen. Die hohe Luftfeuchtigkeit, die Hitze, die hohen Anstiege… aber es war atemberaubend. Ich habe dort das Paradies gesehen.“

Dieses Erlebnis wäre vor ein paar Jahren für Jung niemals denkbar gewesen. Vor neun Jahren „habe ich 50 Zigaretten am Tag geraucht“, erzählt Jung, der im Polizeidienst bei der US-Air Force arbeitet. „Bei einer Körpergröße von 1,63 Meter habe ich 85 Kilo gewogen. Ich hatte einen Ruhepuls von 84 Schlägen pro Minute.“ Ein Arztbesuch hat ihm damals die Augen geöffnet. Jung fing an zu laufen, erst nur ein paar Runden um den Block, dann immer mehr. „Das Laufen wurde für mich zum Alltag“ – und das wirkte sich schnell auf seine Gesundheit aus. Sein Ruhepuls liegt mittlerweile „an der beginnenden 40er-Grenze“, sagt er: „Mein Gewicht liegt normal bei 63 bis 65 Kilo, in Wettkampfphasen unter 60 Kilo.“ 2006 lief Stefan Jung seinen ersten Marathon, ein Jahr später seinen ersten Ultramarathon.

Aber: „Die Läufe in Deutschland waren mir irgendwann nicht mehr genug“, sagt Jung. Es war die Sehnsucht nach großen Abenteuern, Jung wollte „die Welt erlaufen. Dort sein, wo keiner lebt, mitten in der freien Natur.“ Doch der Lauf in Costa Rica war nur ein Puzzleteil. Was Jung reizt, ist die Wüste. „In Costa Rica habe ich gemerkt, dass ich einen Etappenlauf durchhalte. Im Oktober 2015 nehme ich am Atacama-Crossing teil. Sechs Tage und 250 Kilometer durch die trockenste Wüste der Welt. Dort bekommt man nur ein Zelt und Wasser gestellt, mit allem anderen muss man sich selbst versorgen.“

Jungs größtes Ziel ist die „Four-Desert-Serie“ – vier Etappenrennen durch die Sahara, Gobi, Atacama und die Antarktis in einem Kalenderjahr. Ein Ziel, das viel Training erfordert. In seiner Wettkampfvorbereitung trainiert Jung täglich fünf Stunden. Seinen persönlichen Motivator hat Jung im Österreicher Christian Schiester gefunden. „Er ist einer der besten Extremläufer.“ In Costa Rica sind sich die beiden begegnet, vielleicht treffen sie sich nächstes Jahr beim Wüstenlauf wieder. „Diese Läufe sind für mich der Jahreshöhepunkt. Es geht nicht um Medaillen oder Titel“, sagt Jung: „Es geht immer um das Abenteuer.“


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